Die weiße Cosa Nostra
Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. Und schon habe ich wieder die ersten vier Tage des neuen Lebensjahres hinter mich gebracht.
Ja, der Luxbacher hatte am Montag Geburtstag. Und ich darf die Gelegenheit nützen, mich bei den doch zahlreichen Gratulanten zu bedanken. Allen voran natürlich bei der Luxbacherin, wer sie kennt, die mir trotz eines grippalen Infektes, quasi in Todesverachtung also, einen so schönen Geburtstag bereitet hat. Ein Dank gebührt auch dem Herrn Motorredakteur. Er hat montags bereits um sechs Uhr seinen Backofen angeworfen und Muffins für mich gebacken. Und ein herzliches „Vergelt's Gott“ auch an die R. Bank für das besonders fesche Geburtstagskärtchen mit der persönlichen, handgeschriebenen Widmung meines Bankdirektors. Da vergisst man doch jede Kontoführungsgebühr.
Seit vielen Jahren jammere ich die Leute in meiner Umgebung zum Geburtstag an, dass ich wieder älter geworden bin, dass die Vergänglichkeit des Lebens ein Hund ist und dass ich mich ganz unzweifelhaft dem Greisenalter nähere. Nun war das mit zwanzig Jahren auf dem Buckel natürlich eher mit einem kleinen Augenzwinkern verbunden. In den letzten Jahren und vor allem heuer fällt mir aber sehr ungut auf, dass mich die Leute auf den Johannes Heesters hinweisen.
Der Herr Heesters, wer ihn kennt, ist eine Art Schauspieler, der trotz seines Lebensalters von angeblich weit über hundert Jahren immer noch lebt. Also irgendwie zumindest. Bis zum Hunderter hat der auch noch geraucht, was mir ebenfalls als Trost gereicht, wenn mich die morgendlichen Hustenanfälle plagen. Der Heesters lebt auch noch!
Und so passiert es mir seit ein paar Geburtstagen, dass mein Gejammer über die Beschwernisse des Alters mit einem Verweis auf eben diesen Johannes Heesters quittiert werden. Der Heesters lebt auch noch! Dankeschön.
Es mag die angehende Altersweisheit sein oder Zufall, dass mir in letzter Zeit auch auffällt, wie sich die Systematiken unseres Gesundheitswesens gestalten. In Österreich regiert nämlich die Zettelmedizin. Das ist ein besonders perfides System, das von der organisierten Weißkittel-Mafia installiert wurde.
Vor einigen Jahren wurde ich mit mehreren Brüchen und blutend in ein Krankenhaus eingeliefert. Ich wähnte mich dort in Sicherheit, hoffte auf Hilfe, wagte gar mir Zuwendung zu wünschen. Gefragt wurde ich lediglich nach Daten und der Nummer meiner Zusatzversicherung. Und als ruchbar wurde, dass ich gar ein Kandidat für die so genannte erste Klasse war, hat sich mein Aufenthalt auf satte drei Wochen verlängert.
Oft habe ich mir überlegt, wie es wohl den Patienten der dritten Klasse, die vermutlich im Kohlenkeller gedarbt haben, ergehen würde.
Und im Wartezimmer eines so genannten „praktischen“ Arztes, der sich dann als ausgesprochen unpraktisch erwies, ist mir jetzt das System dann vollkommen klar geworden. Innerhalb von zwanzig Minuten sind dort Dutzende ältere, übergewichtige Damen und Herren vorstellig geworden.
Sie sind mit Zetteln gekommen, haben artig ihre e-Cards herausgerückt und wurden mit vielen weißen und roten Zetteln wieder heimgeschickt. Damit können sie gegen kleine Zuzahlungen den Reichtum der Pharmaindustrie mehren oder werden vom praktischen Arzt, dem Luden des Medizinsystems, an andere, befreundete, so genannte Fachärzte, die wirklichen Paten also, verwiesen.
Die Frage, ob sie denn auch „zum Herrn Doktor“, was ein wenig nach „lieber Gott“ klingt, hinein wollen, haben alle brav mit „Nein“ beantwortet und wurden mit einem Lächeln belohnt. Beschrieben wurden die Zettel alle mit Kugelschreibern mit dem Firmenaufdruck der großen Bosse der weißen Cosa Nostra im Hintergrund. Aber Heesters lebt auch noch.
Ja ja, jetzt ist schon wieder Freitag. Wie doch die Zeit vergeht. Und wie hoch ist Ihr Colesterinwert? Und woher wissen Sie das?


Überwiegend sonnig