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Luxbacher

Die Seligkeit

Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. Ich bin ja, wie Sie vielleicht wissen, ein ausgewiesener Fachmann für Sprichwörter. „Geben ist seliger denn Nehmen“ wird sprichwörtlich gesagt. Aber stimmt das auch? Und wenn ja, warum?

Weil ich praktisch schon alle Weihnachtsgeschenke zusammen habe, was durch die allgemeine Krise, die Furcht vor noch größeren Krisen und meine persönliche Schuldenbremse stark vereinfacht wurde, hatte ich in letzter Zeit ein paar kleine Zeitpolster, die ich auch sogleich in den Dienst der Wissenschaft gestellt habe.

Es gibt ja, wie gesagt wird, keine Zufall, wenn es aber dennoch einen solchen gäbe, dann wären die Erlebnisse, die ich jüngst im Cafe A. hatte, ein solcher gewesen. Dass ich im Cafe A. einen so genannten großen Braunen getrunken habe, wird Sie jetzt nicht überraschen. Ich trinke ja, unabhängig davon, in welchem Cafe, immer einen großen Braunen. Die Geschichte mit dem großen Braunen ist aber eine völlig andere, und ich fürchte, ich habe sie auch schon erzählt. Man muss ja mit zunehmendem Alter so verdammt aufpassen, dass man nicht permanent die gleichen Geschichten erzählt.

Jedenfalls, wie ich da so im Cafe A. sitze und einen großen Braunen trinke, kommt ein Sandler in Begleitung eines Freundes herein. Jetzt nicht, dass Sie glauben, dass ich nicht politisch korrekt sein will. Ich sage nur zur Vereinfachung „Sandler“. Die korrekte Bezeichnung wäre Obdachloser oder Wohnungsloser. Nun müsste man dazu allerdings wissen, ob die betreffende Person tatsächlich keinerlei Dach über dem Kopf hat, also auch keine Notschlafstelle oder eine zustellfähige Adresse in einer Sozialeinrichtung, dann wäre er tatsächlich ein Obdachloser, oder ob er eben nur keine eigene Wohnung hat, also lediglich wohnungslos ist. Es ist also gar nicht so einfach, politisch korrekt zu sein. Und weil Sie ohnehin wissen, was ein Sandler ist, bleibe ich jetzt behelfsmäßig dabei.

Bei diesem Sandler handelte es sich um einen tüchtigen Verkäufer einer gemeinhin so genannten Obdachlosen-Zeitung, einer segensreichen Einrichtung sozialer Organisationen, die es Sandlern erlaubt, den Tag zu strukturieren und innerhalb der Grenzen des Gesetzes Geld zu verdienen. Die Bezeichnung „Obdachlosen-Zeitung“ ist zwar natürlich politisch sehr korrekt, allerdings auch sehr, sehr unpräzise, da sie ja sowohl von Obdachlosen wie auch von Wohnungslosen vertrieben wird. Der vom Sandler mitgebrachte Freund stand offenbar in Arbeit, hatte Familie und Wohnung und führte, wie gesagt werden darf, ein geregeltes Leben.

Man hat dem Sandler angemerkt, dass es für ihn keine tägliche Übung ist, Bekannte ins Cafe auszuführen. Darum hat er auch gleich für seinen Freund mitbestellt. Vielleicht auch, um die Kosten im Griff zu haben.

Man hat dem Sandler angesehen, dass es ihm großes Vergnügen bereitete, die Teilhabe an der so genannten normalen Gesellschaft auszukosten, über die Unbilden des Zeitungsverkaufes auf der Straße zu berichten und keinen Zweifel daran zu lassen, dass er für die Zeche des Freundes aufkommen werde. Das hat er dann auch getan. Und er hat mit einer spendablen Handbewegung auch gleich zwanzig Cent Trinkgeld gegeben. In seinem „Stimmt so“ schwang Seligkeit mit. Und ich gebe zu, es hat den Luxbacher am Herzen angerührt, das zu beobachten.

Es verschafft dem Menschen also offenbar Freude, Selbstwert und Seligkeit, etwas zu geben. Geben ist seliger denn Nehmen. Und darum nutzt die Zeit vor Weihnachten, diese Seligkeit zu multiplizieren. Gebt denen, die nichts haben und gebt ihnen damit die Möglichkeit, einen Freund ins Cafe A. einzuladen und „Stimmt so“ zu sagen.

Ja ja, jetzt ist schon wieder Freitag. Wie doch die Zeit vergeht. Und ist Ihr Adventkranz auch schon so trocken?

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