Das Sumpfhuhn von Lindach
Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. „Wenn es nicht ist, wie du willst, musst du wollen wie es ist“, heißt es in einem jüdischen Sprichwort. Manchmal muss man sich halt nach den Gegebenheiten richten.
Jeder Depp weiß, dass auf einsam gelegenen Hütten in den winterlichen Bergen Getränke und dort so genannte Speisen deutlich teurer sind als in normal zugänglichen Gebieten. Freilich wird das oftmals mit den unglaublichen Erschwernissen des Transportes der Lebensmittel zu eben diesen unzugänglichen Orten erklärt. Die wesentlich treffendere Erklärung findet sich aber in der zumindest in der Betriebswirtschaft so genannten regionalen Preisdifferenzierung.
Wo es an jeder Ecke eine Würstelbude gibt, werden nur die guten, günstigen Würstel Erfolg haben. In Gebieten aber, in denen es de facto keinen Wettbewerb gibt und der hungernde Wintersportler lediglich die Wahl zwischen der überteuerten Hütte und dem wintertouristischen Heldentod hat, kann man die Preise kräftig in die Höhe schrauben. Und das trifft, auch das kennt man ja, nicht nur für entlegene Hüttenwirte, sondern auch für die Betreiber von sogenannten Autobahn-Restaurants zu.
Und so hat es sich diese Woche am Mittwoch zugetragen, dass mir Luzifer kurz nach der Mittagszeit eingab, mich der verachtenswerten Schwäche meines Hungergefühles hinzugeben und im dort so genannten Autobahn- Restaurant Lindach-Nord, also auf der Westautobahn in Richtung Salzburg, einzukehren, wie man sagt. Dieses Autobahn-Restaurant wird von der Firma R. betrieben. Jetzt spricht sehr für die Firma R., die ja zahlreiche Autobahn-Restaurants betreibt, dass ich in einem zu R. gehörenden Restaurant in St. Pölten schon oft und recht gut gegessen habe.
In Lindach-Nord sind natürlich schon die neuen Zeiten eingekehrt. Personal ist teuer. Gäste nicht. Also nehme ich das speibfarbe Tablett und gehe zur Theke. Dort hängt eine Tafel. Und auf der Tafel steht mit Kreide „1/2 Brathuhn“. Nun erweckt eine mit Kreide beschriebene Tafel immer so etwas von Aktualität.
Aber Luzifers Gesichter sind vielfältig. Während die nette Dame hinter der Theke zwei Lastwagen-fahrern je zwei Stück Braten auf einen Teller klatscht, fragt sie mich, ganz multitasking, nach meinen Wünschen. Ein halbes Brahthuhn. „Homma net“, kommt es prompt zurück. Kreidetafel hin oder her, da habe ich jetzt wohl mit Zitronen gehandelt. Und während ich noch so nach trefflichen Worten suche, kommt auch schon ein Alternativangebot. „A Haxl kennan S’ hom.“ Nun gut, Huhn ist Huhn und man soll ja nicht so viel essen. Ich stimme freudig zu. Auf die beiläufige Frage der Dame „An Saft dazu?“ antworte ich mit „Nein, danke“.
Sie gießt zwei große Schöpfer einer flüssigen Substanz aus Wasser, Farbe und deutlich erkennbarem Fett, das man förmlich aus dem 25-Liter-Kanister rinnen sieht, darüber. Ich setze zur Abwehr an. Aber Luzifer lähmt meine Zunge. Beilagen sind zum Selbernehmen. Und da mir sowohl der Semmelknödel als auch die Auswahl an Nudeln unpassend erscheint, werfe ich zwei Löffel Reis auf den Teller und mache den das Huhn umgebenden Sumpf komplett. Ich zahle widerstandslos, setzte mich und stopfe den zähen Hühnerteil, die labbrige Dehnhaut und den Sumpf aus 25-Liter-Dosenöl und Reis in mich hinein.
Mein Magen und 25-Liter-Dosenöl sind aber nicht kompatibel. Und so habe ich diesen Mittwoch nahezu alle so genannten Sanitäranlagen zwischen Lindach-Nord und der Schrannengasse in Salzburg kennengelernt. Für die Autobahn A1, die Dame hinter der Theke, das Sumpfhuhn und die Firma R. gilt selbstredend die Unschuldsvermutung.
Ja ja, jetzt ist schon wieder Freitag. Wie doch die Zeit vergeht. Und was ist ihr Lieblingsgericht?


Überwiegend sonnig