Herr Petzuk schweigt
Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. So eine durchschnittliche Ehe hält heute drei Jahre. Ein Handtelefon ist nach einem Jahr technisch so veraltet, dass man sich schämen muss, und ist daher am besten in einer Wundertüte dem guten Zweck zuzuführen.
Aber manchmal hält etwas ein Leben lang. Zum Beispiel den Herrn Petzuk, Sie werden ihn nicht kennen, kenne ich schon fast mein ganzes Leben lang. Also wir haben uns tatsächlich schon ein paar Tage nach meiner Geburt kennengelernt. Fast ebenso lange ist er mit der Susi zusammen, der Frau Petzukova, einer feschen, schwarzen Katze aus Tschechien.
Der Herr Petzuk ist ein Professor. Unglaublich gebildet. Aber wie alle Professoren aus dem Osten halt sehr konservativ. Gut, diesen Wickelrock, den ich ihm vor vielen Jahrzehnten geschneidert habe, trägt er nicht mehr, aber seit über vierzig Jahren hat er Tag für Tag seinen grünen Lodenrock an. Maßgeschneiderte Qualität, versteht sich, sonst würde so was ja gar nicht so lange halten. Früher haben wir ja alles miteinander besprochen. Ich habe ihm meine Sorgen erzählt, meine Wünsche, meine Träume, meine Ängste und was einen halt als Kind so bewegt. Viel gesagt hat er nie, dennoch er war ein guter Zuhörer und mit seiner dunklen, brummigen Stimme hat er dir immer alles erklären können. Wenn meine Eltern in dem Haus, das mir damals unglaublich groß vorgekommen ist, mit den älteren Geschwistern ferngesehen haben, ist der Herr Petzuk oft noch Stunden bei mir am Bett gesessen, hat mich beruhigt, wir haben so geredet über dies und das und dann bin ich eigentlich immer recht gut eingeschlafen. Natürlich, später ist alles viel schwieriger geworden. Da hat mich langsam die große, weite Welt interessiert. Da hab ich den Petzuk oft hängen lassen. Aber der Professor Petzuk, das sag ich dir, das ist ein echter Vorkriegscharakter, sowas gibt es heute gar nicht mehr , den kannst du links und rechts abwatschen und im Stich lassen und trotzdem ist er immer für dich da.
Auch später, wie ich dann bei meinen Eltern ausgezogen bin und mit der Luxbacherin, ja, die gleiche Luxbacherin, die ich heute noch habe, da könnt ihr euch ein Beispiel nehmen, in die erste kleine Wohnung und dann in eine große Wohnung und dann in eine kleineres Haus und dann in ein ganz großes Haus gezogen bin: Der Petzuk war immer für mich da. Aber trotzdem ist unsere Freundschaft natürlich eine andere geworden. Er ist dann nie mehr bei mir am Bett gesessen. Und ich hab ihm auch nicht mehr alles erzählt. Manchmal, sicher, in allgemein so genannten ganz schweren Stunden, vielleicht kennt das wer, hab ich ihm schon mein Leid geklagt. Aber er hat da nicht viel gesagt. Ein wenig gebrummt manchmal.
Das war nimmer so seine Welt. Ausschauen tut der Petzuk ja wie ein Junger. Eine Figur wie ein Bär. Er ist auch immer noch mit der Susi beisammen, also mit der Petzukova, wer sie kennt. Aber es ist halt alles anders. Die Grenzen in die alte Heimat von der Susi hinter dem ehedem eisernen Vorhang sind längst offen. Ich bin immer unterwegs. Fernsehen dürfte ich, so lang ich will, nur Zeit hab ich keine. Der Herr Petzuk sitzt mit seiner Susi im Büro in meinem Haus. Der Herr Petzuk schweigt. Nur manchmal am 24. Dezember sagt er leise „Frohe Weihnachten“ und erinnert mich an meine Kindheit.
Ja, sicher, der Herr Petzuk ist, ebenso wie die schwarze Katze Susi, nur dreißig Zentimeter groß und manche würden ihn „Teddybär“ nennen. Aber er ist ein besonderer Bär. Er ist mein Bär. Wir haben ein ganzes Leben miteinander verbracht. Wir kennen uns so gut. Wir brauchen nichts mehr reden. Frohe Weihnachten!


Überwiegend sonnig