Der Kamelhaarmantel
Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. Diese Woche war ja Nationalfeiertag. Also das war der Tag zwischen den ersten beiden Fenstertagen und den zweiten beiden Fenstertagen. Im Hinblick auf Fenstertage ist ein Feiertag am Mittwoch ja ideal.
Also ein Nationalfeiertag an einem Mittwoch ist quasi das positive Gegenteil zu einem Nationalfeiertag an einem Sonntag. Der ist dann ja eher sinnlos. Sicher, Allerheiligen jetzt an einem Dienstag ist nicht ganz optimal, allerdings nahe dran.
So ein Nationalfeiertag jedenfalls ist, abgesehen von den Optionen der Fenstertage, ein Anlass, einmal über unser Land, seine Geschichte und die Welt nachzudenken. Es hat einmal eine Zeit gegeben, von der wir damals geglaubt haben, dass sie eine gute Zeit war und von der ich heute sogar vermute, dass sie eine sehr gute Zeit war. Wir hatten damals in Österreich einen Bundeskanzler. Wir haben auch heute so eine Art Bundeskanzler.
Damals hatten wir einen richtigen Bundeskanzler und sein Name war Kreisky. Und weil er eben ein richtiger Bundeskanzler war, hat der auch Politik gemacht. Also der hat nicht nur Inserate an einzelne Zeitungen gegeben und dazwischen gelächelt.
Nein, unser Bundeskanzler damals, der Bruno, wer sich erinnern kann, hat noch kräftig in der Weltpolitik mitgemischt. Er, der jüdische Großbürgersohn, hat sich mit Arafat getroffen und sich um eine Bereinigung des Nahost-Konfliktes bemüht und noch heute sagen die Leute „Kreisky“ und lächeln, wenn man sich in Arabien als Österreicher, „al Nimsa“, wie das dort heißt, zu erkennen gibt. Das mag unter anderem auch damit zu tun haben, dass er damals den ambitionierten, jungen Revolutionsführer Gaddafi in der Welt der Politik gesellschaftsfähig macht.
Unser Weltbild war ja damals recht einfach. Österreich ist neutral. Auf der einen Seite stehen die guten Amis und auf der anderen die bösen Russen. Das war für die Leute auch gut erklärbar, denn viele konnten sich noch erinnern, dass die Amis Kaugummi gebracht haben und die Russen Uhren mitgenommen haben.
Geblieben sind aus der Zeit, in der wir noch einen richtigen Bundeskanzler hatten, hauptsächlich Erinnerungen. Zum Beispiel die Erinnerung an den Bruno, wie er schon sehr alt und ein wenig grantig war und vor seinem Haus in Mallorca steht mit einem Kamelhaarmantel. Mit jenem Kamelhaarmantel, den er von Gaddafi geschenkt bekommen hat. Jenem Gaddafi, der immerhin vierzig Jahre lang ein Land mit zwei Dutzend rivalisierender Stämme zusammengehalten hat. Und das in einem Wohlstand, der auf dem afrikanischen Kontinent recht selten ist.
Wie er dem Bruno den Mantel geschenkt hat, wurde er von unserem Staatsfernsehen noch als Revolutionsführer bezeichnet, so wie Hosni Mubarak bis kürzlich der Staatspräsident von Ägypten war, Freund und Nachfolger von Friedensnobelpreisträger Anwar al Sadat. Heuer waren sie beide Potentaten, Diktatoren, Mörder, Schurken und Halunken.
Jetzt wurde Gaddafi bestialisch von den „Rettern“ Libyens umgebracht. Zweifellos wird der in unserem Staatsfernsehen als „arabischer Frühling“ bezeichnete Wahnsinn in Nordafrika all diese Länder mit neuen, fundamental-islamischen Regierungen direkt ins Mittelalter zurück befördern.
Wenn man so in Erinnerungen schwelgt, ist das ein erstes Anzeichen, dass man offenbar alt wird. Aber ich bin noch immer jung genug, zornig zu werden, wenn ich Fotos sehe, auf denen sich ein Schwachsinniger mit einem Gewehr abbilden lässt, umringt vom zerfetzten Spielzeug der Enkelkinder Gaddafis. Und wenn ich den unerträglichen, parteiischen Korrespondenten des Staatsfernsehen sehe, wie er sich freut, wenn greise Ex-Präsidenten in Ägypten im Spitalsbett zum Tod verurteilt werden, schäme ich mich für dieses Staatsfernsehen.
Ja ja, jetzt ist schon wieder Freitag. Wie doch die Zeit vergeht. Und was machen Sie so an den Fenstertagen?


Überwiegend sonnig