Der Herr Karl
Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. Da schaut man einen Baum ein paar Tage nicht an, und plötzlich sieht der ganz anders aus. Vor einigen Tagen noch grün und das blühende Leben und jetzt rötlich-braun, sich dem Ende der Saison zuneigend. Da sieht man wieder, wie die Zeit dahin rinnt. Der Herbst ist da. Aus ist es mit dem Gastgarten. Und da hab ich es mir wieder drinnen beim Wirten gemütlich gemacht. Ist eh viel interessanter. Da rückt man mehr zusammen. Da bekommt man oft sehr interessante Gespräche mit.
Zum Beispiel diese Woche. Es war am Dienstag. Kann auch der Mittwoch gewesen sein. Also nicht, dass ich täglich beim Wirten wäre. Aber oft so während der Woche kommt einem ein Tag vor wie der andere. Sie kennen das eh. Also da saß der Herr Karl mit denen am Stammtisch zusammen, die da immer sitzen. Bestimmt hatte der Herr Karl einst auch einen Familiennamen. Aber wenn einer einige Jahre beim Wirten am Stammtisch sitzt, verlieren sich solche Formalitäten. Da wird der Herr Maier eben zum Karl. Und eines Tages verliert sich der Maier und der Karl bleibt.
Und diese Woche höre ich eben so nebenbei, beim Wirten, wie der Karl sagt: „Jo jo.“ Das wäre aber nicht weiter überraschend gewesen, denn soweit ich mich erinnern kann, hat der Herr Karl, zumindest beim Wirten, jedes seiner Statements mit „Jo jo“ begonnen. Auch die Pausen zwischen seinen Statements und Erkenntnissen füllt er gerne mit „Jo jo“. Und meist erntet er auch von denen die da immer sitzen, so wie er, der Herr Karl selbst, ein anerkennendes „Jo jo“, manchmal vielleicht ein fragendes „Jo?“, wenn seine Theorien gar zu progressiv sind. Oft auch ein begeistertes „Jo!“, wenn einem derer, die da immer sitzen, eine Rede des Herrn Karl direkt aus dem Herzen gesprochen ist. Und danach folgt wieder dieses meditative, die Zusammengehörigkeit derer, die da immer sitzen, und des Herrn Karl signalisierende und gleichermaßen auch fördernde „Jo jo“. Aber wie gesagt, das „Jo jo“ des Herrn Karl hätte mich keineswegs so interessiert oder überrascht. Aber das, was dann kam, das ließ mich aufhorchen. Denn, die Wirte werden alle zusperren müssen, wenn das so weiter geht, war sich der Herr Karl sicher. Und er sagte das in einem Ton, der gemischt war aus Überzeugung, Weisheit, Verzweiflung und Kapitulation.
Ich bin natürlich erschrocken. Vor allem deshalb, weil mir der Ernst der Lage erst bewusst wurde, weil keiner von denen, die da immer sitzen, etwas erwiderte. Kein „Jo jo“. Minuten lang. Nichts.
Gemeint war mit dieser apokalyptischen Weissagung über das Sterben der Wirte, wie die weitere Rede des Herrn Karl erhellte, natürlich der Vorstoß des wenig bekannten und daher auch nicht besonders beliebten Herrn Verkehrsministers. Bevor Sie jetzt grübeln: Er heißt Faymann. Ist auch so lang wie die anderen Minister in der Regierung, aber erst letzte Woche in die Medien gekommen. Ist halt nicht ganz so, naja, sagen wir extrovertiert wie die Frau Kdolsky. Und dieser Herr Verkehrsminister ist jedenfalls für die Senkung der Blutalkohol-Grenze für Autofahrer auf 0,5 Promille. Und da, so der Herr Karl, könnte es selbst mit drei Seiterl schon recht eng werden. Und das ist dann natürlich das Ende für die Wirte. Ihm selbst, so der Herr Karl weiter, würde es zwar leid tun um die Wirte, aber fehlen würde ihm nix, weil das ja bald ohnehin keinen Sinn mehr ergibt zum Wirt zu gehen. Mit dieser Regierung. „Jo jo.“
Ja ja, jetzt ist schon wieder Freitag. Wie doch die Zeit vergeht. Und wie viel Blut hat so ein Mensch eigentlich?


Höhepunkt der Kältewelle