Der Schnuppertag
Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. Der Mensch ist ein Herdentier. Das ist eine Feststellung. Also nicht einmal eine Theorie. Das ist so. Nehmen Sie nur den Stau zu Ferienbeginn. Da wollen offenbar alle zugleich weg. Und alle wollen dort hin, wo eben alle hin wollen. Und drum dauert das dann etwas länger. Mit dem Stau am Morgen und dem Stau am Abend und dem Stau vor dem Wochenende verhält es sich ebenso. Morgens müssen alle in die Arbeit. Abends wollen alle heim.
Das ist aber nicht nur im Straßenverkehr so. Auch bei viel subtileren Themen. Nehmen Sie die Flughafentoilette. Immer dann, wenn Sie selbst auf die Toilette gehen wollen, haben dieses menschliche Bedürfnis zumindest so viele andere Leute auch, dass sich vor der Häuseltür eine Schlange bildet. Jetzt kann es einerseits sein, dass es ohnehin immer eine Schlange vor dem stillen Örtchen gibt. Oder es ist eben so, dass genau immer dann, wenn Sie dort hin wollen, alle dort hin wollen. Eines der Geheimnisse des Lebens.
Mittags isst man in Österreich. Das steht so fest wie das Schnitzel am Sonntag. Dafür wurden so segensreiche Entwicklungen wie die Mittagspause eingeführt. Und da wird natürlich wieder der Herdentrieb sichtbar. Alle gehen zur gleichen Zeit essen. Und da wird dann natürlich das leerste Lokal voll. Und weil sich der Wirt ja nicht nur auf Mittagspausen konzentrieren kann, gibt es für solche Spitzen zu wenig Personal. Und darum dauert es lange, bis man etwas bekommt. Und dann regen sich alle auf, weil sich alle aufregen. Privilegierte Menschen wie ich, die eigentlich nur einmal in der Woche was schreiben und daher unglaublich viel Zeit haben, tun sich da leichter. Unsereins geht gut erholt um zwei Uhr nachmittags essen. Und da war ich kürzlich im Lokal F. Und da war fast niemand da. Weil der Herdentrieb hat natürlich auch einen Kehrschluss. Dort, wo wenig Menschen sind, geht auch keiner hin. Am 10. Oktober können Sie am Brenner Fußball spielen. Und so war eben das Lokal F. praktisch leer. Und dann passierte etwas, was die ganze Theorie vom Herdentrieb kaputt macht. Stimmt aber nicht. Es war lediglich die berühmte, allseits so genannte, Ausnahme von der Regel. Es dauerte nämlich trotz der praktisch nicht vorhandenen Gästefrequenz sehr lange, bis ich die zu einem großen Braunen bestellte Buttersemmel bekam. Sie merken schon, die Tatsache, dass man viel Zeit hat, wenn man nur einmal in der Woche schreibt, führt natürlich auch dazu, dass die Mahlzeiten recht überschaubar ausfallen. Nicht wegen des Geldes natürlich. Meine Texte werden bestens bezahlt. Aber man verbraucht ja nix. Also darf man nicht zu viel essen.
Auf meine Nachfrage, wo denn die gute Buttersemmel bliebe, wurde mir gesagt, dass es eine neue Kellnerin gibt und die „schnuppert heute nur“. So etwas regt im ersten Moment natürlich die Phantasie an. Man stellt sich vor, wie die in der Küche steht und die Semmel nimmt und zur Nase führt und die Lage des Getreidefeldes bestimmt, von der das Semmelmehl einst kam. Und mit ihrem Riecher die Sonnentage bestimmt, die der Kuh beschert waren, die Tage zuvor die Milch gab, die für die Butter meiner Buttersemmel bestimmt war. Mit „schnuppern“ gemeint war natürlich der Probetag der Kellnerin. Die Welt hat keinen Platz für Poesie.
Ja ja, jetzt ist schon wieder Freitag. Wie doch die Zeit vergeht. Und wovon ist Alexander Wurz eigentlich zurückgetreten?


Höhepunkt der Kältewelle