Kein Berliner
Schon wieder Freitag. Wie die Zeit vergeht. Bestimmt kennen Sie doch diesen berühmten Ausspruch von diesem damals sehr bekannten und beliebten amerikanischen Präsidenten, der dann doch erschossen wurde. „Ich bin ein Berliner“, meinte Kennedy in einem fürchterlichen Deutsch. Er war natürlich kein Berliner. Aber die Leute haben sich gefreut.Ich bin auch kein Berliner. Es wäre Ihnen wahrscheinlich auch vollkommen wurscht, wenn ich es behaupten würde. Ich bin eben doch kein Kennedy.
Aber trotzdem, finde ich, ist es nun wirklich Zeit für ein Outing, wie man das heute gerne nennt. Also, so ist es eben und nicht anders, ich bin ein Amstettner. Ja, tatsächlich bin ich in Amstetten geboren. Mehr aber auch nicht. Ein einziger Tag im Leben. Mehr Zufall. Genau so gut hätte ich in Linz, Salzburg, Wien oder Wieselburg zur Welt kommen können. Ich bin aber eben in Amstetten geboren. Und so etwas bringst du ja im Leben nimmer weg. Einmal Amstettner, immer Amstettner. Im Pass, auf jedem Formular, im Führerschein, im Trauschein und selbst eines Tages auf dem Totenschein. Der Amstettner klebt an mir wie das Brusthaar bei Hitze.
Bis kürzlich war das ja auch egal. In Wahrheit kannte dieses Amstetten kein Mensch. Ein eher langweiliger Ort zwischen nichts und irgendwo. Ein paar Wirtschaftsfreaks wussten vielleicht, dass da eine der größten Ladenbau- und Schalungsfirmen her kommt, ansonsten aber glänzte das eher schmucklose Städtchen eher durch seine Unauffälligkeit als durch besonders laute Attraktionen. Auch die eben gestandene Tatsache, dass ich selbst dort zur Welt kam, haben die bescheidenen Amstettner nicht ausgenützt. Keine Straße, kein Platz, nicht einmal das kleine Provinzkrankenhaus, das ich mit meiner Geburt beehrte, haben sie mit einem Luxbacher- Taferl verschandelt. Sie wollten nie, dass die Massen, die Schaulustigen, die Gaffer über sie herein fallen.
Und dann ist plötzlich alles anders. Jedes Mal, wenn das Thema auf Geburtsort fällt, dann kommt bei „Amstetten“ dieses blöde Grinsen. Ich antworte jetzt immer etwas ausweichend so, dass ich zwar in Niederösterreich geboren wurde, dort aber nie gelebt habe. Ja, so ein Judas bin ich. Schrecklich.
Nun also hat Amstetten eine allseits so genannte traurige Berühmtheit erlangt. Die ganze Stadt ist belagert von Journalisten und Übertragungswagen aus aller Herren Länder. Denn die ganze Welt will das „Horrorhaus“ sehen. Und natürlich pilgern auch die Schaulustigen selbst, denen die Medien zu wenig sind, nach Amstetten. Wie sieht ein Haus aus, in dessen Keller Menschen 20 Jahre lang gefangen gehalten wurden? Wie ein Haus eben.
Besonders hervor getan hat sich ein Journalist von der schweizerischen NZZ. Der hat in der langweiligsten und noch dazu in jeder Hinsicht gefärbten Zeitung Österreichs einen Gastkommentar geschrieben. In Amstetten war einmal ein KZ-Nebenlager. Und drum sind die Amstettner so böse und sperren Leute in den Keller. Meint der Herr aus der Schweiz. Blöder geht es nimmer.
Am liebsten hätte ich meine Schweizer Uhr auf den Boden geworfen. War aber zu teuer. Schweizer Käse ist jedenfalls tabu für die nächsten Jahre. Und eines kann ich diesem Schokofresser sagen: Ich bin ein Amstettner!
Ja ja, jetzt ist schon wieder Freitag. Wie doch die Zeit vergeht. Und fehlen noch recht viele Pickerl in Ihrem Euro-Album?


Höhepunkt der Kältewelle